Zu den englischsprachigen Unternehmen, deren Spiele vor allem im Bereich der besonderen Requisiten überzeugen, gehört für mich ohne Frage die Mystery Agency aus Großbritannien. Das Unternehmen hat bereits mehrere Rätselabenteuer auf den Markt gebracht, unter anderem „The Vanishing Gambler“ und „Ghost in the Attic“. Hier geht es heute um das erste Buch der Agency. Ich habe „The Museum Heist“ unter die Lupe genommen und freue mich, euch das besondere Werk in diesem Test vorstellen zu können.
Wer an Rätselbücher denkt, der denkt in Deutschland vor allem an die Heftchen aus dünnem und grauem Papier, die an den Bahnhofskiosken liegen, prall gefüllt mit Kreuzworträtseln, Sudokus und Wortgittern, in denen 50 verschiedene Blumen, Tiere oder Städtenamen gefunden werden müssen. Zum Glück hat der durch Escape Rooms ausgelöste Puzzle-Trend daran etwas gerüttelt: Heute findet man auch schönere und vielfältigere Rätselbücher im Buchhandel. Fans der EXIT-Reihe werden beispielsweise die Bücher von Autor Dimitris Chassapakis kennen, etwa „Tagebuch 29“ oder das „Tagebuch der Ewigkeit“. Doch auch im Bereich der Puzzle Books lohnt es sich, in den englischsprachigen Raum zu schauen. Denn hier findet man einige echte Perlen unter den Rätselbüchern.
Ein ganz besonderes Exemplar ist „The Museum Heist“ von der Mystery Agency aus Großbritannien. „The Museum Heist“ ist das erste Rätselbuch aus der Werkstatt der Firma, die vorher mehrere große Abenteuer-Boxen auf den Markt gebracht hat. Sie gehören zu meinen Favoriten im Bereich der englischsprachigen Rätselspiele. Kann das, was das Unternehmen hier geleistet hat, auch als Buch funktionieren? Der edle Einband mit Leinenstruktur, Goldprägung und sensationellem Design macht jedenfalls sofort Lust, in die Geschichte einzutauchen. Aber: Hält dieser Krimi, was er verspricht? Lest hier, ob ich den Fall lösen konnte – und warum mich dieses Buch beeindruckt hat.
Inhalt: In „The Museum Heist“ klärt ihr einen Diebstahl auf
„The Museum Heist“ dreht sich um einen Diebstahl im berühmten Kensington Museum in London. Hier ist das antike Juwel „Tiger’s Eye“ verschwunden. Der Stein ist 50.000 britische Pfund wert, der ideelle Wert für das Museum liegt aber natürlich weitaus höher. Außerdem soll das gute Stück verflucht sein. Als Spieler begleiten wir Jane Waterstone von der Mystery Agency. Sie reist zu dem Museum, um sich der Sache anzunehmen. Acht Mitarbeiter waren im Moment des Diebstahls im Museum anwesend, jeder hat ein Motiv. Wer hat das „Tiger’s Eye“ gestohlen und warum?

Spielmechanik: Dieses Rätselbuch ist viel mehr als ein Buch
Die Spielmechanik von „The Museum Heist“ ist so vielfältig, dass es nicht leicht ist, sie zu beschreiben. Grundsätzlich wird das Buch von Anfang bis Ende gelesen – und die Geschichte mitsamt der eingebetteten Rätsel verläuft über die meiste Zeit hinweg recht linear. Im Verlauf der Geschichte durchstreift man die Räume des Museums und untersucht sie, trifft dabei die Verdächtigen und sammelt Hinweise, die helfen sollen, den Täter zu überführen. Im Verlauf des Spiels stößt man auf verschiedene Herangehensweisen. Es gibt:
- Rätsel innerhalb der Story ohne Prüfung: Man löst sie und fährt fort, wenn man glaubt, die richtige Lösung gefunden zu haben. Diese Rätsel bieten oft Informationen, die wichtig sind, um den Täter zu überführen.
- Verschlossene Türen, Schränke und Schubladen: Man kann sie erst öffnen, wenn man ein dazugehörendes Rätsel gelöst hat. Sie sind mit einem QR-Code versehen. Scannt man diesen ein, kann man die Antwort prüfen – und bekommt die Freigabe zum Umblättern, wenn die Lösung richtig ist.
- Abenteuer-Sequenzen: An einigen Stellen bekommt man wie in einem Abenteuerbuch vorgegeben, zu welchen Seiten man als Nächstes blättern soll – je nachdem, was man bereits „geleistet“ hat. An einer Stelle gibt es etwa eine Mechanik, bei der es eine Rolle spielt, ob man im Verlauf des Spiels zwei bestimmte Gegenstände erspielen konnte. Hier fand ich die Umsetzung sensationell – das habe ich in einem Puzzle Book so noch nie gesehen.
Das Spiel dreht sich die meiste Zeit darum, Informationen über das Museum, die Verdächtigen und die Tat aufzutreiben. Dafür gibt es vorn im Buch mehrere Seiten, die man vor dem Spielstart herausschneiden soll (man kann sie sich aber auch kopieren!). Dazu gehören eine noch weitestgehend unbeschriftete Karte des Museums, ein leerer Bericht zum Fall und acht leere Dossiers über die Verdächtigen, die nach und nach mit Informationen befüllt werden. Von den Themen der einzelnen Ausstellungsräume bis zu den Schuhgrößen der Verdächtigen: All diese Details sammelt man im Laufe des Spiels. Hat man sie beisammen, kann man sieben der Mitarbeiter des Museums als mögliche Täter ausschließen und am Ende den Täter oder die Täterin dingfest machen.

Rätsel: In diesem Museum ist für jeden etwas dabei
Die Rätsel sind vielfältig, phänomenal in das Setting der Geschichte eingebettet und machen großen Spaß. Der Spieler (bzw. Leser) findet hier alles, was das Puzzle-Herz begehrt: Es müssen Codes und verschlüsselte Nachrichten geknackt werden, es gibt Riddles, Logikrätsel, grafische Aufgaben, Labyrinthe – und immer wieder sind Informationen auch gut in den Illustrationen des Buches verborgen. An manchen Stellen wirken die Rätsel etwas aufgesetzt, weil kein Museum der Welt seine Türen beispielsweise so sichern würde, wie es hier gemacht wurde. Das stört allerdings überhaupt nicht.
Im Laufe der Geschichte ergeben sich immer wieder Gelegenheiten, einzelne Verdächtige aufgrund der Informationen, die man gesammelt hat, von der Liste zu streichen. Teilweise muss man aber sehr genau lesen und kombinieren, um wirklich kein Detail zu verpassen. Besonders am deduktiven Teil von „The Museum Heist“ ist, dass er wirklich knifflig ist, aber nicht unlösbar. Als ich am Ende der Geschichte ankam, hatte ich noch drei mögliche Verdächtige. Also habe ich zurückgeblättert, hier und da noch einmal nachgelesen und konnte innerhalb kurzer Zeit die fehlenden Puzzlestücke finden. Falls man gar nicht weiterkommen sollte, gibt es hinten im Buch Hinweise und Lösungen zu jedem Rätsel.

Einen Kritikpunkt habe ich, wobei ich mir selbst etwas unsicher bin, ob es überhaupt einer ist. Mir ist aufgefallen, dass es eine große Zahl an Logikrätseln gibt, bei denen es darum geht, den Verdächtigen bestimmte Eigenschaften zuzuordnen. Mal geht es um acht verschiedene Körpergrößen, mal um acht verschiedene Angaben zum Körpergewicht, mal um die Namen und mal um die Berufe. Die Informationen, die man bekommt, muss man so kombinieren, dass am Ende jedem ein Wert zugeordnet werden kann. Das wirkt etwas redundant – allerdings sind die Rätsel im Kern zwar gleich, in der Umsetzung aber so unterschiedlich, dass es eigentlich gar nicht schlimm ist. Wer solche Logikrätsel liebt, ist bei „The Museum Heist“ auf jeden Fall goldrichtig und wird sich gut aufgehoben fühlen.
Design: „The Museum Heist“ könnte auch im Museum stehen
Das Design ist wie auch bei den anderen Spielen der Mystery Agency einfach herausragend. Die Auswahl der Farben, die Schriften, die Illustrationen und die Art und Weise, wie Dokumente dargestellt werden: Das Puzzle Book ist nicht nur ein tolles Spiel, sondern hat auch den Design- und Typografie-Nerd, der tief in mir steckt, sehr glücklich gemacht. Der Eindruck, der schon durch den hochwertigen Einband vermittelt wird, täuscht hier in keiner Weise.
Es macht einfach großen Spaß, sich durch das Buch zu rätseln – und man freut sich auf jede neue Seite, die man öffnen darf. Auch das Material ist hochwertig, das glänzende Papier hat aber eine Schwachstelle: Es ist sehr anfällig für Fettfinger und Druckstellen. Wer es weitergeben möchte, sollte das Buch nicht als Schreibunterlage verwenden – denn wenn man ein anderes Papier darauflegt und beschreibt, sieht man auf den glänzenden Seiten danach leicht dunkle Abdrücke.

Fazit: „The Museum Heist“ ist ein Muss für Rätselbuch-Fans
„The Museum Heist“ bietet einfach alles, was ein richtig gutes Puzzle Book für mich haben muss: Tolles Design, abwechslungsreiche Rätsel, eine packende Story und die richtige Mischung aus Rätseln und Deduktion. Es hat wirklich Spaß gemacht, die Aufgaben zu lösen, alle Informationen zu sammeln und damit zunächst gar nichts anfangen zu können – bis es plötzlich „Klick“ macht und man den nächsten Verdächtigen ausschließen kann.
„The Museum Heist“ fühlt sich an vielen Stellen wie echte Detektivarbeit an – und wird mein neues Go-to-Rätselbuch, wenn ich mal ein tolles Geschenk für jemanden suche, der schon alles hat. Meiner Meinung nach ist es sowohl für Einsteiger als auch für Profis prima geeignet. Allerdings sollte man schon ein Grundverständnis für die englische Sprache haben. Man muss zwar nicht Englisch studiert haben, aber es gibt einige Stellen, an denen man durchaus genau lesen muss. Der große Vorteil für Spieler in Deutschland: Das Buch ist bequem via Amazon erhältlich – und beim Versandhändler gibt es auch schon den zweiten Fall, „The Bookshop Murder“.

Kleiner Exkurs: Autor Henry Lewis ist eine Bühnenlegende
Und noch ein kleiner Exkurs zum Schluss: Henry Lewis, der Autor des Buches und Gründer der Mystery Agency, ist kein Unbekannter – zumindest nicht, wenn ihr euch in der englischsprachigen Theaterszene gut auskennt. Er gehört zu den Gründern der britischen Comedy-Truppe „Mischief“, die sich einen Namen mit Katastrophenstücken gemacht hat. Der größte Hit war wohl „The Play That Goes Wrong“ über eine Laientheatergruppe, die einen Krimi spielt.
Doch auf der Bühne geht alles schief – und das Stück zeigt nicht nur den Krimi, sondern auch den Kampf der Schauspieler gegen die Pannen. Ich habe mal eine deutsche Inszenierung in Berlin gesehen und halte das Stück für eine der besten Theaterkomödien, die es gibt. Ich finde es immer spannend, wenn Theaterprofis im Escape-Room-Business aktiv werden. Dass dabei gute Dinge herauskommen, zeigt nicht nur „The Museum Heist“, sondern beispielsweise auch der hochgelobte Escape-Room-Anbieter „Skurrilum“ in Hamburg. Denn auch hier waren mit Corny Littmann, Heiko Wohlgemuth und Lukas Nimschek Bühnenprofis am Werk.
Für wen ist „The Museum Heist“ geeignet?
- Rätsel-Fans, die mal erleben wollen, wie schön ein Rätselbuch sein kann.
- Spieler, die den Mix aus Detektivarbeit und klassischen Escape-Room-Rätseln mögen.
- Design-Fans, die gute Illustrationen und schöne Typografie lieben.
- Jeden, der ein ganz besonderes Geschenk für einen Rätsel-Fan sucht.
- Nicht geeignet für Spieler, die Probleme mit der englischen Sprache haben.

Bewertung und Infos zu
„The Museum Heist“
Titel: The Museum Heist
Autor: Henry Lewis, The Mystery Agency, UK
Genre: Krimi, Abenteuer
Sprache: Englisch
Spieldauer: 2 bis 4 Stunden
Schwierigkeit: mittel
Empfohlenes Alter: ab 12 Jahren
Spielerzahl: 1 bis 2
Preis: rund 24 Euro
Erhältlich u. a. auf Amazon
Gesamtwertung: 4,8 von 5 Sterne
Urteil: Großartig!
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